
„Ich übernehme schnell seine Aufgaben, er hat gerade eine schwere Phase.“ – Was wie kollegiale Solidarität oder fürsorgliche Führung klingt, kann in Wahrheit die Abwärtsspirale einer kritischen Entwicklung zusätzlich Vorschub leisten. Wenn Kolleginnen, Kollegen oder Führungskräfte das problematische Konsumverhalten einer Person – meist aus positiver Absicht (längerfristig) – decken oder entschuldigen, spricht man von Co-Verhalten. Warum falsch verstandene Hilfe Betroffenen schadet, gut zureden allein meist nicht hilft und wie der Ausstieg gelingt, lesen Sie hier.
Co-Abhängigkeit oder Co-Verhalten?
Der Begriff „Co-Abhängigkeit“ ist im Alltag zwar noch am weitesten verbreitet, wir sollten ihn jedoch bewusst meiden. Sprache formt unsere Wahrnehmung: Das Wort „Co-Abhängig“ suggeriert etwas Pathologisches. Um dieses Missverständnis auszuräumen, wird zu einer neutralen Begrifflichkeit empfohlen. Wir nennen es Co-Verhalten.
Was bedeutet Co-Verhalten im Betrieb?
Ursprünglich stammt der Begriff aus der Angehörigenarbeit bei Alkoholabhängigkeit. Heute wissen wir: Co-Verhalten betrifft alle Suchtformen und kann sich auch in der Arbeitswelt zeigen. Es beschreibt Verhaltensweisen des Umfelds, die die negativen Auswirkungen eines Fehlverhaltens unbewusst unterstützen und eine rechtzeitige Konfrontation, Verhaltensveränderung oder Behandlung verhindern.
Warum wir wegschauen
Die Motive hinter dem Co-Verhalten sind meist menschlich nachvollziehbar. Häufige Gründe sind:
- Falsch verstandene Hilfe: Man möchte den anderen schonen.
- Unsicherheit und mangelndes Wissen: Wie spreche ich es an?
- Angst vor Konflikten: Die Sorge vor einer unangenehmen Konfrontation.
- Loyalitätskonflikte: Man möchte niemanden beim Chef „vernadern“ (anschwärzen) und dadurch die freundschaftliche Arbeitsbeziehung belasten.
- Fehlende Strukturen: Es gibt im Unternehmen keine klare Vorgangsweise für solche Fälle.
Die drei Phasen des Co-Verhaltens
Co-Verhalten im Betrieb entwickelt sich meist schleichend und kann typischerweise in drei aufeinanderfolgenden Phasen verlaufen:
1. Die Beschützer- und Erklärungsphase
In dieser Phase wird das auffällige Verhalten verharmlost, weggeschaut oder entschuldigt. Man zeigt Verständnis. Kolleginnen und Kollegen fangen Fehlleistungen im Team stillschweigend auf und Vorgesetzte suchen Ausreden, um nicht eingreifen zu müssen. Es wird ein künstlicher Schonraum geschaffen. Es kommt auch vor, dass man über die Kolleg*innen spricht aber nicht mit ihnen. Man erfindet Kosenamen und macht sich mitunter lustig.
2. Die Kontrollphase
Der problematische Alkoholkonsum oder das Suchtverhalten lässt sich nicht mehr leugnen. Das Umfeld versucht nun, das Problem aktiv einzudämmen. Es werden Versprechen zur Mäßigung eingefordert und Aufgaben des Betroffenen kontrolliert oder komplett übernommen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Vielleicht meidet man plötzlich tradierte Situationen wie den „After-Work-Drink“ oder das „Freitagsbier“.
3. Die Anklagephase
Die Belastungsgrenze des Teams ist erreicht. Die Stimmung kippt in Aggression, Vorwürfe und Verachtung um. Es kommt zu Überwachung, Isolation und Ausgrenzung des Betroffenen im Team. Am Ende steht die totale Abwendung – der Fall wird an die Personalabteilung abgegeben oder das Arbeitsverhältnis wird beendet.
Fazit: Wegschauen ist keine Hilfe. Erst wenn wir aufhören, die Konsequenzen des auffälligen Verhaltens unreflektiert abzufangen, und stattdessen konkrete Schritte setzen, ermöglichen wir Betroffenen den Ausstieg aus der Spirale. Betroffene äußern rückblickend häufig, dass sie das proaktive Ansprechen am Arbeitsplatz als überaus unterstützend empfunden haben. Das Problem aktiv und direkt anzusprechen, ist meist der wirkungsvollste Hebel.
Schützen Sie sich selbst und helfen Sie richtig – mit Klarheit und Konsequenz.
Am besten gelingt dies durch eine verbindliche Betriebsvereinbarung oder eine klar definierte, abgestufte Interventionskette im Unternehmen. Wir unterstützen Sie gerne dabei: Sei es bei der Neueinführung eines solchen Stufenprogramms oder dabei, bestehenden Richtlinien neues Leben einzuhauchen. Sprechen Sie uns an!
–> Bereich Arbeitswelt am Institut Suchtprävention Arbeitswelt | Institut Suchtprävention
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