Nudging – kleine Anstupser für gesunde Entscheidungen

 

Frau Weggabelung Nudging

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir wissen, dass Bewegung gesund ist und dass Alkohol nicht das beste Mittel zur Stressbewältigung ist. Trotzdem entscheiden wir uns häufig für das Gewohnte, für den einfachen Weg, der nicht immer gesund ist.

Information alleine bewirkt noch keine Verhaltensänderung. Vielmehr muss die Entscheidungssituation so gestaltet sein, dass wir – auch bei automatischen, schnellen Entscheidungen – die gesündere Alternative wählen.

Genau hier setzt Nudging an.

 

Nudging (dt. anstupsen) ist eine verhaltensökonomische Methode, die Menschen in ihren Entscheidungen gezielt beeinflusst, ohne jedoch ihre Entscheidungsfreiheit einzuschränken.

Dies geschieht durch die Veränderungen des Entscheidungskontextes, die transparent erkennbar und niemals (bewusst) irreführend sind. Nudging kommt ohne Gebote oder Verbote aus und ist nicht mit finanziellen Anreizen verbunden. Die Wirkung muss im Interesse der genudgten Person liegen.

Seit dem Bestseller „Nudge – Wie man kluge Entscheidungen anstößt“ (2008) von Richard Thaler und Cass Sunstein wird Nudging als politisches Gestaltungsmittel eingesetzt – z. B. in den Bereichen Gesundheit, Umweltschutz oder Mobilität.

 

Die Wirksamkeit von Nudging-Ansätzen wird kontroversiell diskutiert. Im Gesundheitskontext scheinen vor allem Maßnahmen im Bereich der Ernährung nachweislich wirksam zu sein.

 

Wie kann Nudging im Betrieb eingesetzt werden, um gesundes Verhalten zu fördern?

Bewegung

  • Schuhabdrücke, die zur Stiege führen und nicht zum Aufzug
  • Fahrradabstellplätze, Ladestationen für E-Bikes und ausreichend Duschen
  • Einladung aller Beschäftigten zu einer Fitnessapp
  • Humorvoll illustrierte Gymnastikanleitungen in der Teeküche
  • Erinnerung beim Telefon, dass Gespräche mit KollegInnen auch face-to-face geführt werden könnten

 

Ernährung

  • Grüne Schuhabdrücke vom Eingang der Kantine zum Salatbuffet
  • Kalorienhinweise beim Getränkeautomaten
  • Mundgerechte, griffbereite Obststücke am Buffet

 

Alkohol und Nikotin

  • Selbstverpflichtungs-Challenges z.B. eine Woche auf Alkohol verzichten
  • Ein Monat lang die Zigarettenstummel aller Raucherplätze in einem transparenten Behälter sammeln und die geschätzten Kosten ergänzen

 

Arbeitssicherheit

  • Ein lebensgroßer Schatten erinnert an die Verwendung des Handlaufes bei Stiegen
  • Die Schutzausrüstung liegt griffbereit im Umkleideraum

 

Organisationskultur

  • Standardeinstellung, dass Emails während dem Urlaub nicht gelesen werden können inkl. der Möglichkeit, diese Einstellung zu deaktivieren
  • Veränderung der Standarddauer für elektronische Meetings von 60 auf 40 Minuten.
  • Kurze gemeinsame Atemtechnikübung zu Beginn einer Besprechung

 

Gesundheit allgemein

  • Gesundheitsangebote während der Dienstzeit, vom Arbeitgeber subventioniert
  • Impfangebot am Betriebsgelände
  • Hinweis: „85% ihrer KollegInnen nutzten bereits die Beratung beim betriebsärztlichen Dienst.“
  • Alle Beschäftigten erhalten einen Termin für einen Gesundheitscheck. Wer diesen nicht wahrnehmen will, muss sich abmelden.

 

Was macht einen guten Nudge im Rahmen von betrieblicher Gesundheitsförderung und Prävention aus?

Nundging Entscheidungsbaum BGF

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Quelle:  iga.Report 38. Nudging im Unternehmen. Den Weg für gesunde Entscheidungen bereiten.

 

 

 

 

Kritische Anmerkungen zum Konzept des Nudging im Betrieb

 

Die Einschränkung der Autonomie ist ein häufig kritisiertes Risiko bei Nudging – trotz der Prämisse, dass die genudgten Personen selbst entscheiden können und nicht manipuliert werden. Zur Überprüfung dienen Fragen wie „Sind die Nudges für die AdressatInnen erkennbar?“ „Wären die adressierten Personen bei einer Befragung einverstanden, dass sie Nudging ausgesetzt werden?“

 

Verhaltens- oder Verhältnismaßnahmen Prävention sollte immer sowohl strukturell an den Verhältnissen im Betrieb ansetzen, also auch individuell am Verhalten der Beschäftigten. Nudging könnte dazu führen, dass das individuelle Verhalten übermäßig in den Fokus gerät und unzureichend an strukturellen Mängeln gearbeitet wird.

 

Sozialer Druck kann entstehen, z.B. wenn Mitarbeitende aufgefordert werden, eine Fitness-App zu installieren und an firmeninternen Challenges teilzunehmen.

 

Unerwünschte Nebenwirkungen Nudging-Maßnahmen könnten auch zu Verärgerung oder reaktantem Verhalten führen, also dass erst recht unerwünschte Handlungen ausgeführt werden.

 

Mangelnde Einbindung von Beschäftigten Ein Alleingang des Dienstgebers bekommt schnell den Beigeschmack der Manipulation. Die Einbindung von Arbeitnehmervertretung und Gesundheitsbeauftragten, gegebenenfalls auch von externen ExpertInnen, erhöht die Akzeptanz und Treffsicherheit der Maßnahmen.

 

 

Nudging ist bei aller Begrenztheit und Kritik ein interessantes Tool für betriebliche Prävention und Gesundheitsförderung. Bei der Implementierung ist jedoch auf Freiwilligkeit, durchgängige Transparenz und laufende Reflexion unter Einbeziehung unterschiedlicher Beschäftigtengruppen zu achten.

 

 

 

Quellen & Literaturempfehlungen:

Eichhorn, D. & Ott, I. (2019). iga.Report 38. Nudging im Unternehmen. Den Weg für gesunde Entscheidungen bereiten. Dresden: iga.

Gsaller, M. (2022). Wie man durch Nudging gesellschaftlichen Nutzen schafft.

AOK Fachportal für Arbeitgeber: Nudging im Unternehmen

 

 

Text: Mag.a Rosmarie Kranewitter-Wagner, Institut Suchtprävention/pro mente OÖ

Foto: Pixsource auf pixabay