Expertinnen-Interview: „Fordernder Freiraum“ – eigenverantwortlich und gesund arbeiten

Foto Karin Reiter Newsletterbeitrag September 2020Interview mit Mag.a Karin Reiter, Head of Human Capital Development bei der MIBA AG in Laakirchen

Das Interview gibt Einblick in ihre Sicht auf Personalentwicklung und gesunde Führung, reflektiert die herausfordernde Zeit des Corona-Lockdowns und wagt einen Blick nach vorne, auf Themen, die sich nicht zuletzt durch die Erfahrungen der vergangenen Monate als zentral herauskristallisiert haben.

 

Frau Mag.a Reiter, die MIBA wurde als „Leading Employer 2019“ und als vorbildlicher Lehrbetrieb ausgezeichnet. Gemäß der MIBA-Strategie fordert sie von ihren Beschäftigten „persönlichen Einsatz und unternehmerisches Handeln in einem leistungsorientierten Umfeld“.

Wie gelingt es, eine Balance aus hohem Leistungsanspruch und Gesundheit zu finden und was tut Ihr Unternehmen dafür?

Wir stellen einen „fordernden Freiraum“ zur Verfügung. Die Eigenverantwortung und Selbstwirksamkeit von Mitarbeiter/innen wird gefördert. Es gibt viel Entwicklungsspielraum in unserem internationalen Unternehmen, als Mensch ist man nicht nur eine Nummer, wie in vielen Großkonzernstrukturen.

 

Beim Thema Gesundheit ist natürlich jeder Einzelne gefordert, aktiv etwas dafür zu tun.

Als Unternehmen fördern wir Gesundheit durch ein fix verankertes betriebliches Gesundheitsmanagement. Eine Steuerungsgruppe legt eine Jahresstrategie fest und leitet Maßnahmen ab. Diese reichen von Bildungsangeboten zum Umgang mit Stress oder Belastungen durch Schichtarbeit bis zu Gesundheitscoaching. Wir haben auch einen Fitnessraum am Betriebsgelände, der durch einen eigenen Trainer betreut wird, der zum Beispiel Rückenfitprogramme anbietet. Wenn es um die Gesundheit der Beschäftigten geht, beschreiten wir auch innovative Wege – z.B. mit Exoskeletten zur Unterstützung körperlich anstrengender Tätigkeiten.

Ein zentrales Thema ist gesundes Führen. MIBA-Führungskräfte setzen sich im Rahmen des Führungskräfteentwicklungs-Programms mit einem ganzheitlichen Verständnis von Gesundheit und auch mit ihrer eigenen Gesundheit auseinander. Sie erlernen gesunde Selbst- und Menschenführung und beschäftigen sich mit Kommunikations-Tools für Mitarbeiter/innen-Gespräche oder das Mitteilen von Lob und Kritik.

Unsere Führungskräfte werden durch interne Ansprechpartner zu Themen wie Burnout oder Sucht unterstützt, bei Bedarf auch an externe Stellen vermittelt. Für Gespräche mit suchtgefährdeten Mitarbeiter/innen wurde ein Leitfaden entwickelt und natürlich versuchen wir Fragen rund um riskanten Substanzkonsum von Beschäftigten auch in den Führungskräftetrainings zu beantworten.

Spannend ist, wie unterschiedlich die verschiedenen Nationalitäten in unserem Konzern Gesundheit verstehen. In den USA setzt man viel stärker auf Eigenverantwortung als bei uns in Österreich, das Sozialversicherungssystem ist nicht mit dem unseren zu vergleichen. Unsere chinesischen Partner wiederum staunen immer, dass es bei uns fünf Wochen Urlaub gibt. Sie haben aber auch einen traditionell stärkeren Zugang zu Meditation oder Achtsamkeitsmethoden, die wir in unser internationales Führungskräfteprogramm einbringen.

 

 

Die Corona-Pandemie fordert Unternehmen auf allen Ebenen: wirtschaftlich aber natürlich auch hinsichtlich der internen Kommunikation und der Führung von Mitarbeiter/innen in Kurzarbeit oder im Homeoffice. Auch wenn das Thema vielleicht schon etwas abgenützt ist: Was sind Ihre Erfahrungen dazu?

Ich finde das Thema hochaktuell. Wir reflektieren unseren Umgang mit der Corona-Krise nicht nur hinsichtlich des Krisenmanagements, sondern auch bezüglich der Implikationen für die Regelkommunikation, für Führung usw. Dazu fand vor dem Sommer eine internationale Online-Konferenz mit 60 Top-MIBA-Manager/innen statt.

 

Welche Themen stellten sich dabei als wesentlich heraus?

Homeoffice Viele von uns befanden sich durch den Lockdown unerwartet, von einem Tag auf den anderen, im Homeoffice. Das hat durchwegs gut funktioniert, wirft aber natürlich auch Fragen auf. Wie schafft man die technologischen Voraussetzungen? Wie kann es Gerechtigkeit zwischen Beschäftigten in der Produktion und jenen im Büro geben? Und natürlich ist es auch eine Frage des Vertrauens in die Mitarbeiter/innen. Jede Führungskraft muss selber den Kontakt zum Team im Homeoffice aufrechterhalten, es gab von uns aber auch Guidelines dazu.

Diversität Nicht zuletzt beim Thema Homeoffice wird die Diversität in der Belegschaft deutlich. Gerade jüngere Mitarbeiter/innen erwarten sich auch unabhängig von Krisenzeiten die Möglichkeit, zumindest tageweise zu Hause zu arbeiten. Im Gegenzug zu hohem Engagement soll der Dienstgeber hier Flexibilität zeigen. Die Möglichkeit zum Homeoffice ist also ein Mosaikstein, um als Arbeitgeber attraktiv zu sein.

Digitalisierung Ein Thema mit großem Potential. Auch hier ist Eigenverantwortung gefragt. Selbst in einem großen Unternehmen bekommt man nicht alles schön aufbereitet serviert. Da heißt es auch mal selber googlen und Neues ausprobieren. In den letzten Monaten wurden ungewohnte Wege beschritten, die zum Teil auch beibehalten werden.

Zum Beispiel im Bereich der Management- und Kommunikationsstrukturen. Durch den Corona-Lockdown waren Meetings mit internationalen Kolleg/innen nicht immer möglich, es ließ sich aber auch vieles online erarbeiten.

Aber natürlich gibt es auch Grenzen der Online-Kommunikation. Pausengespräche sind zum Beispiel wichtig – aber wie kann man das digital umsetzen? Ich denke, je länger man jemanden kennt und je gefestigter eine Arbeitsbeziehung ist, desto eher kann man auf digitale Kanäle umsteigen. Zumindest für eine Zeit lang.

 

 

Nehmen Sie eine Zunahme von Belastungen durch die Corona-Krise, vielleicht auch erhöhten Substanzkonsum wahr?

Ich habe dazu keine persönlichen Beobachtungen, aber klar ist schon, dass manche Beschäftigte durch Gehaltseinbußen wegen der Kurzarbeit an finanzielle Limits stoßen. Dafür haben wir einen eigenen Hilfsfonds eingerichtet. Zudem hat die MIBA Mitarbeiter/innen freiwillig 90% statt der gesetzlich vorgeschriebenen mindestens 80% ihrer Nettobezüge vor der Krise bezahlt. In anderen Ländern mussten wir aufgrund behördlicher Auflagen ganze Werke vorübergehend zusperren. Da kommt es sicher zu schwierigen Situationen, da die staatliche Absicherung nicht immer jener von Österreich entspricht.

 

 

Im Idealfall wird der Arbeitsplatz zu einer „Energie-Tankstelle“. Er stiftet Sinn, fördert persönliche Weiterentwicklung und ist ein Ort für soziale Kontakte. Können Sie das aus Ihrer Erfahrung bestätigen? Und eine persönliche Frage zum Schluss: Was hält Sie gesund?

Mir gefällt der Gedanke, dass der Arbeitsplatz zu einer Energie-Tankstelle werden kann. Ich empfinde das persönlich so und erlebe es auch bei Kolleg/innen. Für mich ist die Arbeit nicht einfach ein „Job“. Sie ist mein Beruf, den ich gerne ausübe und der mich ausmacht. Am Arbeitsplatz pflegt man auch persönliche Beziehungen, ist sozial integriert. Ich denke, so eine Arbeit zu haben, hält gesund.

Unsere MIBA-Mission ist „Technologies for a cleaner planet“. Da liegt viel Potential für Sinnstiftung drinnen. Jede und jeder kann das auf sich herunterbrechen und überlegen, was im eigenen Bereich Sinnstiftendes gemacht werden kann.

 

Herzlichen Dank für das Interview!

 

Die oberösterreichische Miba Gruppe wurde 1927 in Laakirchen im Bezirk Gmunden gegründet. Heute ist das Technologieunternehmen mit 30 Produktionsstandorten in Europa, Asien, Nord- und Südamerika vertreten. In Österreich beschäftigt die Miba rund 2.700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, rund 2.500 davon in Oberösterreich. Spezialisiert ist die Miba auf die Entwicklung und Produktion von Technologien, die Fahrzeuge, Schiffe, Flugzeuge oder Anlagen zur Produktion, Übertragung und Speicherung von Energie effizienter und damit umweltfreundlicher machen. Antrieb dafür ist die Miba Unternehmensmission „Technologies for a cleaner planet“.

 

Das Interview führte Mag.a Rosmarie Kranewitter-Wagner, Institut Suchtprävention/pro mente OÖ

Foto: MIBA